Laudatio

Aktive Stadt zum Wiederkennen.

Laudatio zur 30-Jahr-Feier der "Bürger für Heidelberg" am 15. September 2002

Von Clemens Zimmermann

Zunächst gehe ich auf den Kontext der Organisationswerdung ein: Hervorgegangen aus einer Wählerinitiative, ergab sich bereits in der Gründergeneration der BURGER das Signum, das Kontinuität über dreißig Jahre hinweg erst sicherte: Starke Übereinstimmung in Grundsätzen, Zielbestimmtheit, Pragmatismus, viel, aber nicht zu viel Reflexion über die normativen Grundlagen, Zuverlässigkeit und Verbindlichkeit bei der praktischen Durchführung von Aktionen.

Die Gründung der BfHD geschah in einer Zeit der Aufbruchstimmung. Gerade war der Muff der Adenauerrepublik durch gezielte Provokationen, durch öffentliche Proteste und gegenkulturelle Jugendbewegungen gelockert. Gerade im studentischen Milieu Heidelbergs hatten allerdings bereits dogmatische Gegentendenzen und totalitäre Organisationsbildungen eingesetzt, als nun die Mitte der Gesellschaft in Tausenden von Initiativen aufzubrechen schien. Nicht nur um konkrete Ziele durchzusetzen und der Allmacht der Planungsbürokratien etwas inhaltliches entgegenzusetzen, sondern auch um "mehr Demokratie zu wagen", um ein Stück Gegenorganisation und praktische Partizipation durchzusetzen. Die politische Konstellation in Heidelberg war für dieses Projekt eher ungünstig. Hier gab es seit kurzem eine finanzpolitisch und handlungsstrategisch effektive Stadtspitze, die solche Ansätze von Gegenöffentlichkeit rigoros bekämpfte. Mit Hilfe einer Allianz mit dem örtlichen Pressemonopol, gestützt auf eine durch materielle Privilegien gesicherte soziale Basis und aufgrund einer nicht ungeschickten Integrationsstrategie setzte die technokratische Stadtspitze die eigenen Ansätze auf breiter Front um. Man denke an die heute kaum noch verständliche Planungseuphorie dieser Jahre, an die Selbstgefälligkeit, mit der im Zeichen einer freilich sozialdemokratisch akzentuierten "Moderne" das Machbare machen und dem so genannten Fortschritt breite Bahn schaffen wollte — im gebauten Raum der Stadt durch Abräumen des scheinbar Überflüssigen, des scheinbar Überständigen. Man denke auch an die Konzeptlosigkeit der bürgerlichen Wählergruppen im Stadtrat, die den Stadttechnokraten nichts entgegenzusetzen hatten, und die dadurch in das offizielle Machtkartell integriert waren, dass es ja eine scheinbare gemeinsame Bedrohung durch die linke Szene gab. Angesichts dieser polarisierten, politischen Landschaft mussten die Bewegungsspielräume einer auf rationalen Diskurs setzenden Bürgerinitiative gering sein, als man sich gerade nicht auf materielle Interessen stützten wollte und konnte. Es ging bei den BfHD nie darum, im Interesse bestimmter Gruppen kleinteilige und partiale Interessen zu vertreten, Interessen, die oft nur kurzfristiger Natur sind und dann wieder in sich zusammenfallen. Ihrem Selbstverständnis nach wollten sich die BfHD von Anfang an für die Gesamtstadt, für ein allgemeines Interesse, für die in der Stadtgeschichte fundierte Zukunft dieser Gesamtstadt einsetzen. Die BÜRGER hatten die unzeitgemäße Vorstellung, dass Zukunft nur das sein könne, was sich zuvor dem Urteil kritischer Urteilsbildung ausgesetzt habe.

Kommunikationstheoretisch lag also dem Projekt ein liberales Konzept kritischer Argumentationsbildung zugrunde.

Über Jahrzehnte hinweg versuchte man, den Gemeinderat, die Parteien, die Fraktionen, andere Gruppen und nicht nur die allgemeine Öffentlichkeit von den eigenen Anliegen zu überzeugen, aber letztlich musste diese Strategie eben eine ideale Kommunikationsgemeinschaft Stadt HD voraussetzen, die es so nicht gab.

Was die BÜRGER ebenfalls seit Anbeginn kommunikationstheoretisch auszeichnete, war die Akkumulation von planerisch relevantem Sachverstand in ihren Reihen. Wo sonst besteht ein lebendiges Archiv der Stadtentwicklung über Jahrzehnte hinweg, wo sonst finden sich so gut informierte Mitglieder eine solch lange Zeit zusammen? Dennoch lag in dieser unaufhörlichen Akkumulation handlungsrelevanten Wissens auch immer wieder die Gefahr, Interessenten abzuschrecken. Ohne einen solchen Sachverstand ging es freilich nicht, wenn man mithalten wollte. Sachverstand über Leitlinien der Stadtentwicklung, technische Innovationen, Diskussionshorizonte in der BRD, Erfahrungen an anderen Orten: Insofern sind BI Orte, an denen vielfältig gelernt wird. Dass über so lange Zeit kontinuierlich gelernt werden konnte, hing wiederum damit zusammen, dass es sich bei den aktiven Mitgliedern um solche handelte, die sich aufgrund ihrer beruflichen Lage und Ortssässigkeit das Lernen sozusagen leisten konnten.

Welche inhaltlichen Zielvorstellungen prägten die BÜRGER?

Die BÜRGER sind die Vertreter des klassischen Konzepts der "Europäischen Stadt" mit ihrer urbanen Dichte, ihren Integrationsmechanismen, ihrer sozialpolitischen Regulierungsfunktion und ihrer kulturellen und sozialen Bedeutung.

Im Einzelnen ging es zunächst um die Sanierungen. Die unbestreitbare Notwendigkeit von Sanierungen verband sich nach 1972 mit der Forderung, dass diese im Einklang mit den Bedürfnissen der Altstadteinwohner stattfinden solle. Es kam die damals unzeitgemäße Idee auf, dass es bei einer Stadt nicht nur um einen Funktionszusammenhang geht, der beliebig planbar ist, sondern um einen Ort gewordener Identität, der sich auch auf den Grundbestand des schichtenweise und durch konkrete Akteure entstandenen Baubestandes orientiert.

Nicht serielle Moderne, Verkehrsfluss, Mobilität um jeden Preis, sondern eine lebenswerte und in ihrer Identität wieder erkennbare Stadt war das Leitbild.

Die BÜRGER setzten sich ein für ein allen Menschen zugängliches Verkehrssystem, den Schutz historischer Ensembles, den Ausbau des Fahrradwegenetzes. Heute sind diese Forderungen, die durchaus eine sozialpolitische Komponente aufweisen, zumindest theoretisch konsensfähig, damals wurden sie vielfach abgelehnt.

Dies alles lief auf eine evolutionäre Bestimmung von Fortschritt hinaus, die zu den Leitbildern der Linken und der kommunalen Technokraten völlig konträr stand. Das Selbstverständnis der BfHD seit ihrer Anfangsphase ist nicht, wie selbstquälerisch sogar in den eigenen Reihen man sich abplagt, als konservativ, sondern als Entwurf einer humanen Moderne aufzufassen.

Die Grundhaltung der BÜRGER möchte ich "skeptisch" nennen. Es wird durch hervorragende Exempel früheren Bauens erkennbar, dass jede Zeit ihre Leistungen aufweist, nicht nur die Gegenwart. Skepsis und historische Orientierung fallen stark in eins. Die Stadt ist gebaute Geschichte, eine historische Leistung, die für alle ablesbar und erlebbar sein soll.

Gerade das im Krieg unzerstörte Heidelberg ist besonders erhaltungswürdig. Der Stadt soll ihre Schönheit und Atmosphäre behalten. Ihre Unverwechselbarkeit als Gegenpol zu nivellierenden und globalisierenden Tendenzen, in denen heute beliebige Elemente an beliebige Orte gebaut werden. Als Gegenpol zu einer gestaltlosen Suburbanität. Die konstante Wiedererkennbarkeit der Stadt soll über lange Zeiträume erhalten werden, z.B. für "sentimental journeys", die den Ort wieder-finden möchten.

Als einen weiteren Zug in der Grundhaltung möchte ich bezeichnen: Denken in konkreten Alternativen. Es geht um die Umsetzung von Lösungen zu brennenden Problemen, seien es Verkehrsplanungen, sei es die Verdrängung von Wohnbevölkerung, sei es ein vernünftiges Tourismuskonzept. Eintreten gegen "Eventkultur", die eine Stadt entpersönlicht. Das Zentrum nicht dem Kommerz opfern. Statt dessen: nachhaltige Entwicklung fördern. Vernetzung von Altstadt und Gesamtstadt mit dem Ziel, die Funktionsüberlastung der Altstadt abzubauen. Funktionsmischung mit der Gesamtstadt wird angestrebt - gegen kommerzielle Einseitigkeit.

Die Bürgerinitiative als Beitrag zur Zivilgesellschaft

Es ging stets auch um einen über die konkreten Ziele hinaus weisenden Anspruch: Nicht nur einzelne Planungsziele zu erreichen, sondern überhaupt den Anspruch von Bürgern zu unterstreichen, mitzureden, mitzuplanen.

Als Einwohner, Bürger einer polis, wollen die BÜRGER Zugang zum Verwaltungswissen und zum Mitbestimmen haben. Zivile demokratische Möglichkeiten der Mitwirkung werden geprobt, weil man das Planen nicht allein einer Stadtverwaltung überlassen möchte: Zivilgesellschaft statt Etatismus. Dabei stießen die BÜRGER in den letzten Jahren auf viele kooperationsbereite Ansprechpartner in der Verwaltung. Die Fronten haben sich insofern aufgelöst. Eher entsteht eine neue Front: Zwischen denen, die Stadt als Lebenswelt und als Kulturraum betrachten und solchen, die ihre Ökonomisierung und Eventhaftigkeit aktiv betreiben. Insofern richtet sich das Projekt eines Beitrages zur Zivilgesellschaft heute weniger gegen bestimmte Interessen in der Verwaltung, sondern mehr gegen die stark angewachsenen Gruppen, die den Baubestand nur ganz grob als Kulisse für eine Theatralisierung benötigen, die der Abschöpfung von Kaufkraft dient.

Wirkungen

Und die Wirkungen? Sie sind wohl nicht messbar, aber beträchtlich. Einer Messbarkeit entziehen sich die Wirkungen von Stellungnahmen und Gutachten, die der politischen Fachöffentlichkeit zugeleitet wurden und dort immer wieder zum Abstimmungsverhalten beitrugen. Schon vor 20 Jahren konstatierte ein Artikel von Cornelia Girndt, dass "Heidelberg sicherlich heute anders aussähe, es wäre um einige irreversible Bausünden reicher, gäbe es die BÜRGER nicht." Man kann daran anknüpfen, dass man wohl heute die vierspurige Stadtautobahn am Neckar hätte, oder ein 36 Meter hohes Großhotel beim Schloss, oder noch mehr Kneipen, hätten die Heidelberger Bürger nicht die BÜRGER gehabt.

Dr. Clemens Zimmermann ist Professor für Kultur- und Mediengeschichte am Historischen Institut der Universität des Saarlandes, Saarbrücken

Impressum Home